Qualifizierte Kooperation - Bericht über ein Bundesmodellprojekt

J. Jungmann

DAF-Tagung am 21.09.2000, Berlin


1.
Berichtet wurde über ein in der Stadt Magdeburg durchgeführtes Modellprojekt zur Kooperation zwischen Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie, Jugendhilfe, Schule und Sozialhilfe. Es sollte gezeigt werden, ob und dass es möglich ist, durch qualifizierte Kooperation in strukturierten und durch fallverantwortliche Moderation geführten Fallkonferenzen zu einer Verbesserung der einzelfallbezogenen Versorgung vor allem für jene Problemgruppen von Kindern und Jugendlichen zu kommen, bei denen isolierte Hilfestrategien einzelner Versorgungssysteme entweder bislang ohne ausreichende Effekte geblieben sind oder mit großer Wahrscheinlichkeit bleiben würden.

Das unter organisatorischer Leitung des Kinder- und Jugend-psychiatrischen Dienstes des Gesundheitsamtes der Stadt Magdeburg durchgeführte Kooperationsprojekt wurde wissenschaftlich begleitet. Die Evaluation der Ergebnisse erbrachte Faktoren, die über das Projekt hinaus als bedeutsam für das Gelingen einer qualifizierten Kooperation gewertet werden können:

  • Die Motivation Als eine erste Bedingung für das Gelingen eines qualifizierten Kooperationsvorhabens erwies sich eine jeweils eigenständige Motivation der beteiligten Fachdienste.
  • Motivation

    fördernd:

  • eigenständige Effektivitätserwartung jedes beteiligten Kooperationspartners
  • erkennbare Kooperation

    behindernd:

  • mangelhafte Einbeziehung
  • abweichende Erwartungen eines Partners, vor allem bei auftretenden Schwierigkeiten
  • nicht erkennbare Zwischenergebnisse
  • Die Verbindlichkeit
    Wesentliches Bestimmungsstück qualifizierter Zusammenarbeit ist eine hohe Verbindlichkeit, die im Projekt auf der Basis schriftlicher Kooperationsvereinbarungen erreicht wurde. Zu unterscheiden sind verbindliche Absprachen auf der Ebene der Institutionen, der Mitarbeiter und des auf die Familie bzw. den Klienten bezogenen Umgangs.
  • Verbindlichkeit

  • auf institutioneller Ebene
  • auf Mitarbeiterebene
  • auf Klientenebene

    fördernd:
    eindeutige Festlegung von Verantwortung (strukturell und personell)

    behindernd:
    unklare Zuständigkeiten

  • Die fachliche Autonomie
    Eine Qualitätsverbesserung kooperativer Hilfeplanung ist nur dann zu erreichen, wenn es den Kooperationspartnern möglich ist, ihre jeweils unterschiedliche Fachlichkeit optimal zur Anwendung zu bringen. Der "symmetrisch" gestaltete kollegiale Dialog kann sicherstellen, dass die beteiligten Fachdienste auf der Grundlage ihres unterschiedlichen gesetzlichen Auftrages ihrer Leistungsverantwortung nachkommen und ihren professionellen Wissens- und Erfahrungsschatz zur Anwendung bringen.
  • Fachliche Autonomie

    fördernd:

  • unbedingte gegenseitige fachliche Achtung
  • Gleichberechtigung
  • symmetrische Kommunikation

    behindernd:

  • mangelnder sprachlicher Konsens
  • mangelndes Wissen um die wechselseitig unterschiedlichen Entscheidungsstrukturen
  • unklare/unvollständige Kommunikation/Information
  • Das Vertrauen
    Kooperation gelingt nur, wenn sich Partner aufeinander verlassen können.
  • Vertrauen

    fördernd:

  • beständige und niederschwellige Kommunikationsbereitschaft
  • persönliche Begegnung
  • Offenheit beim Umgang mit Schwierigkeiten

    behindernd:

  • nicht aufgelöste Vorbehalte (Stigmatisierung)
  • Konkurrenz
  • mangelnde Offenheit
  • Die Zuverlässigkeit
    Effektive Zusammenarbeit setzt auf langfristigen, verständlichen und zeitnahen Informationsaustausch über alle entscheidungsrelevanten Erkenntnisse.
  • Zuverlässigkeit

    fördernd:

  • Dokumentation
  • verständliche, ausreichende und zeitnahe Informationsübermittlung

    behindernd:

  • Rückzug eines Kooperationspartners
  • Gefühl mangelnder Beteiligung
  • Nebenabsprachen
  • Die Ergebnisse
    Der hier erprobte Kooperationsverbund zur Steuerung der einzelfallbezogenen Hilfeplanung stellte Anforderungen an personelle und materielle Ressourcen, die erfahrungsgemäß längerfristig nur zur Verfügung gestellt werden, wenn sich die Effekte zu einer deutlichen Qualitätssteigerung einstellen. In die Bewertung sind sowohl die Fachdienste als auch die betroffenen Eltern und Jugendlichen einzubeziehen.

    Nach der Evaluation von 47 Kasuistiken bewerteten die Klienten und Fachleute den Hilfeplanungsprozess recht konkordant. Der korrelative Zusammenhang lag um r = 0.44. Über 70 % der kooperierenden Fachleute wie auch der betroffenen Eltern und Jugendlichen bekundeten eine "ziemlich" bis "sehr hohe" Zufriedenheit mit dem Verlauf und dem Ergebnis derFallkonferenzen. Im Mittel wurden 1,8 gemeinsame Hilfeplanungskonferenzen pro Fall benötigt. Diese geringe Zahl ist als Hinweis auf eine erhebliche Verbesserung der Zeitökonomie bei der hier vorgenommenen Form der Hilfeplanung zu werten.

    Der im Modellprojekt erprobte qualifizierte Kooperationsverbund wird den Problemen komplexen Hilfebedarfs vorbehalten sein. Er vermag Clearing-Funktion vor allem in solchen Fällen zu übernehmen, die die einzelnen Fachdisziplinen im Vorfeld bereits an die Grenzen ihrer Einsatzmöglichkeiten geführt haben. Das vorgestellte Kooperationsmodell basiert auf einer effektiven Verzahnung bereits bestehender Dienste und zielt nicht auf die Etablierung neuer Einrichtungen.


    Kontaktadresse:

    Dr. J. Jungmann, ZfP Weinsberg, 74189 Weinsberg
    Tel.: 0713475217, Fax: 0713475661
    J.Jungmann@zfp-weinsberg.de


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