Diagnostische Klassifizierung - Teufelszeug für den Systemiker?

Ingo Spitczok von Brisinski

Vortrag anläßlich des Herbsttreffens der Arbeitsgemeinschaft Systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie e. V. (ASK) am 2.10.1999 in Dresden

"ICD-9 ist tot! Es lebe ICD-10!": so bzw. so ähnlich lautet das Motto von Frau Ministerin Fischer zur Jahrtausendwende. Wir wissen nicht, was Prof. Hoppenstedt empfiehlt - wir empfehlen bei Schmerzen KOGAL (konstruktivistisch-systemische Gedanken als Lösung)!

Systemische Therapietheorie - eine Religion?

Laut Szasz (zitiert nach Anderson und Goolishian, 1988) ist "Psychotherapietheorie nicht eine Wissenschaft", sondern "eine Ideologie über menschliches Verhalten"und "ein kulturelles Phänomen wie eine religiöse Philosophie". Harlene Anderson und Harold Goolishian stimmten bereits Ende der Achtziger mit dieser Position überein und erweiterten sie auf alle (einschl. ihrer eigenen) sozialwissenschaftlichen Theorien. Folgerichtig spricht Harlene Anderson auch noch am Ende unseres Jahrtausends von der `Tyrannei der DiagnoseA (in Gergen et al., 1997). Sehen wir also systemische Therapietheorie als Religion an, erscheint der Begriff 'Teufelszeug' für Diagnosen durchaus angemessen und es folgen einige Vorschläge, wie man dieses Konzept noch perfektionieren kann (Anleitung zum Unglücklichsein mit psychiatrischen Diagnosen aus Spitczok von Brisinski 1999a):

Tips zur Chronifizierung einiger Probleme

1) Betrachten Sie DSM, ICD und MAS als Teufelswerk, das nur schaden, keinesfalls aber nutzen kann.

2) Vergessen Sie Ihr gesamtes systemisches Denken und Handeln, wenn Sie gezwungen werden, in irgendeiner Weise mit psychiatrischen Klassifikationen in Berührung zu kommen.

3) Lassen Sie sich nicht von der Idee irritieren, man könne aus Beschreibungen psychiatrischer Krankheiten positiv konnotierende Hypothesen ableiten oder gar Reframing anwenden.

4) Vermeiden Sie es, sich näher mit den aktuellen psychiatrischen Klassifikationsschemata auseinanderzusetzen, Sie könnten sonst womöglich Dinge sehen, die Sie gar nicht sehen woll(t)en.

5) Fragen Sie die geforderten Symptome objektiv ab. Entweder sind sie da oder nicht! Vermeiden Sie es, Unterschiede im Verlauf und in der Wahrnehmung zu erfragen.

6) Psychiatrische Terminologie ist zwar seit vielen Jahrzehnten weltweit verbreitet, Ihre Kunden werden einige Konzepte vielleicht aus Büchern, aus dem Fernsehen, aus dem Bekanntenkreis oder gar vom vorbehandelnden Arzt kennen, aber gehen Sie grundsätzlich davon aus, daß das alles falsch und schädlich ist.

Blocken Sie daher jegliches Begehren der Kunden, über solche Konzepte zu reden, von vornherein ab.

7) Lassen Sie sich auf keinen Fall einreden, eingehende Kenntnisse aktueller psychiatrischer Klassifikationen könnten der Verbesserung der Anschlußfähigkeit dienen. Sie schließen nur an die falsche Realität an.

 

Systemische Therapietheorie - eine Wissenschaft?

p>Nun gibt es eine Hand voll Systemiker, die in unverbesserlicher Weise versuchen, systemische Therapietheorie als Wissenschaft zu betrachten. In der Tat läßt es sich ja kaum vermeiden, in systemischen Publikationen und auf einschlägigen Tagungen mit Schlagwörtern wie 'Kybernetik', 'Autopoiese' und 'Attraktor' berieselt zu werden. Schauen wir mal, was passiert, wenn wir solche Konzepte auf psychiatrische Diagnosen und Klassifikationen rieseln lassen: zunächst auf Autopoiese, weil das an Autos und Essen erinnert:

Autopoiese

Dieses Rezept à la Maturana (Maturana & Varela 1987) wird den päpstlich Orientierten unter uns systemischen Therapeuten kaum schmecken: bedeutet es doch, daß man seine Schäfchen gar nicht vollständig missionieren kann. Man kann ihnen zwar eine Menge systemischer Gebote (wie z. B. "du sollst nicht defizitorientiertes Zeugnis reden wider deinen Nächsten" verkünden, aber die Unseligen behalten doch nur das, was ihnen in den Kram paßt.

Hoppla - das würde ja auch bedeuten, daß wir gar nicht so sicher sein können, ob man mit dem Begehen einer systemischen Sünde, äh... Verpassen einer psychiatrischen Diagnose richtig viel Schaden anrichtet! Dazu schreiben Ben Furman und Tapani Ahola in ihrem bezaubernden Buch "Die Zukunft ist das Land, das niemandem gehört": "Wir haben in diesem Kapitel dargestellt, daß eine Terminologie, die Krankhaftigkeit suggeriert, eine ganze Reihe verschiedener unseliger Folgen mit sich bringen kann. Dabei sollte man allerdings nicht aus den Augen verlieren, daß die Menschen auf unsere Worte manchmal viel weniger empfindlich reagieren, als wir zunächst befürchtet haben" (Furman & Ahola, 1995: Seite 94).

Ja, kann das denn stimmen? Machen psychiatrische Diagnosen nicht eine Ausnahme?

Erzeugen wir nicht durch die Benennung einer psychiatrischen Diagnose eine chronische Krankheit? oder: wo liegt bei und nach der Diagnosestellung der 'locus of control'?

Wissen Systemiker nicht schon lange, daß psychiatrische Diagnosen Probleme chronifizieren? Systemische Therapeuten berichten gern über Behandlungserfolge durch Auflösung von psychiatrischen Diagnosen (z. B. Boscolo, 1996; Imber-Coppersmith, 1982; Roberts et al., 1993). In der Regel handelt es sich in den Falldarstellungen um Menschen, die seit vielen Jahren eine psychiatrische Diagnose "mit sich herumtragen" und sich aufgrund eines oder mehrerer Probleme in systemische Behandlung oder Beratung begeben haben. Auch Harlene Anderson und Mitarbeiter (1988), die von der "Tyrannei der Diagnose" überzeugt sind, weisen in ihren Publikationen daraufhin, daß ihre Theorie und Praxis, bzw. ihr Denken geprägt ist von der Arbeit mit chronischem Therapieversagen und fremdmotivierter Behandlung.

Es ist jedoch offensichtlich, daß bei chronischen Verläufen extrem häufig eine relativ stabile Etikettierung beschrieben bzw. konstruiert ist. In dieser Kundschaft ist also Etikettierung in hohem Maße mit Misserfolg konnotiert. Diese Konnotation wird durch dauernde Erfahrung verdinglicht bzw. reifiziert, die Therapeuten schauen durch diese Brille und erkennen das Muster wieder. So haben sie kaum Gelegenheit, Kunden kennenzulernen, bei denen Etikettierung zum Erfolg geführt hat.

Wahrnehmungen, Erfahrungen und daraus abgeleitete Theorien sind also problemdeterminiert.

Wenn wir neue Epistemologien entdecken, sollten wir im Auge behalten, dass diese nicht allgemein besser sind, sondern unter ganz bestimmten Bedingungen, bzw. einem ganz bestimmten Kontext dazu beitragen können, die Anzahl viabler Lösungen zu erhöhen.

Was hat Autopoiese nun aber mit Autos zu tun? Angenommen, die Diagnose ist ein Vehikel zur schnelleren Fortbewegung in Richtung des Therapieziels. Wie kann sich der Kunde verhalten, wenn das Vehikel nicht mehr nützlich ist, z. B. wenn der Rest der Strecke aus Gehwegen besteht oder das Benzin ausgegangen ist?

Betrachten wir Menschen als autopoietisch und Experten für sich selbst und akzeptieren wir, daß ihre Veränderungen von der Struktur des Systems und nicht von der Zielrichtung der Intervention bestimmt werden, dann werden wir ihnen auch zutrauen dürfen, eine Hypothese über Bord zu werfen, wenn sie nicht mehr nützlich ist.

Auch ein narrativer Ansatz, der die Autonomie des Kunden ernst nimmt, wird einräumen müssen, daß der Kunde selbst bestimmt, welche Elemente er für die Fortschreibung seiner Geschichte aufnimmt, beibehält oder fallen läßt.

Kybernetik

Auch Modellvorstellungen aus der Kybernetik sprechen für die Möglichkeit, Prozesse zu beschleunigen: Aus der Informationstheorie wissen wir, daß Datenkompression, d. h. Beseitigung von Redundanz, sowohl eine Steigerung der Übertragungsgeschwindigkeit in der Informationen als auch der Informationskapazität ermöglicht.

Diagnosen erfassen Redundanz und können m. E. als Kompressionsalgorithmus betrachtet werden.

Diagnosen können aber auch zur Erhöhung der Übertragungssicherheit des Informationsflusses beitragen, in dem die Diagnose oder Teile des Diagnosenkonzeptes in der Konversation wiederholt werden.

Schließlich vermögen Diagnosen auf den Ordnungsgrad und damit die Ergiebigkeit der Informationsquelle Einfluß zu nehmen.

Dynamische Systeme

Nach dem "Konzept der angemessen ungewöhnlichen Intervention" (Andersen 1990) muß eine bestimmte Anschlußfähigkeit bzw. Empathie zwischen Kunden- und Therapeutensystem bestehen. Dabei hat jeder Kunde ein gewisses Maß an Kenntnissen über eine oder mehrere sowie eine passende Struktur zu einer oder mehreren Diagnosen, das im günstigen Fall eine strukturelle Kopplung zu ermöglicht (Abb.1, vgl. Spitczok von Brisinski 1999b):

Abb.1: Empathie, Unterschiede und Diagnosevorschlag bzw. -auflösung

Abb.1

A0=Attraktor, in dem sich das Kundensystem vor der Intervention befindet
Aa=Attraktor, den das Kundensystem alternativ zu A0 nach der Verstörung einnehmen kann
B0=Bassin0=Einzugsbereich von A0
Ba=Bassina=Einzugsbereich von Aa
E=Empathie
R=Repellor
D=Diagnosevorschlag bzw. -auflösung
S=Separatrix
U=Unterschied

Das Kundensystem bewegt sich innerhalb eines bestimmten, relativ stabilen Verhaltensmusters (Attraktor A0). Kleine Abweichungen bleiben nicht lange bestehen, solange das alte Verhaltensmuster stark genug ist, sich ständig zu rekonstituieren (innerhalb des Abweichungsbereiches Bassin B0). Es kann sich ein neues, möglichst weniger problembeladenes stabiles Verhaltensmuster (Attraktor Aa in einem Bassin Ba) erst bilden, nachdem es zu Abweichungen gekommen ist, die stark genug sind, das stabile Verhaltensmuster zu destabilisieren (Repellor auf einer Separatrix, zur näheren Erläuterung der Begriffe siehe Schiepek & Strunk 1994). Das Erreichen der Separatrix kann durch eine Intervention des Therapeuten angeregt werden, die u. a. die Eigenschaften der von Vektor E (Empathie) und Vektor U (Unterschied) aufgespannten Vektormenge aufweist. Das Vorschlagen oder Auflösen einer Diagnose (D) kann dabei als Element dieser Vektorenmenge verstanden werden, dessen Richtung und Winkel zu E und U vom Kundensystem abhängt: je weniger die Struktur des Kundensystems ein Passen zur Diagnose aufweist, desto größer wird zwar U, desto mehr wirkt D jedoch auch E entgegen. Nur, wenn U und E ausreichend groß sind, kann das Kundensystem R erreichen. Analoges gilt für das Auflösen von Diagnosen.

Wozu können psychiatrische Diagnosen also in der systemischen Therapie nützlich sein?

- zur Beschleunigung des Informationsflusses, - zur Steigerung der Sicherheit der Informationsübertragung, - zur Gestaltung der Empathie, - zur Konstrunktion verstörender Unterschiede.

Halte ich es also für möglich, psychiatrische Diagnosen u. U. in der systemischen Therapie nutzen zu können, dann könnten folgende Hypothesen bezüglich aktueller psychiatrischer Klassifikationen dies unterstützen (zur weiteren Erläuterung der Hypothesen siehe Spitczok von Brisinski 1999a):

1. Hypothese: DSM-IV, ICD-10 und MAS dürfen systemisch und konstruktivistisch betrachtet werden.

In den aktuellen Versionen der führenden psychiatrischen Klassifikationen (APA 1996, Dilling et al. 1993, Remschmidt et al. 1994) wird ein deskriptiver Ansatz angestrebt, der mono-kausale Ätiologie-Modelle möglichst vermeidet. Der Begriff 'Störung' ersetzt den der psychischen Krankheit weitgehend (Dilling et al., 1993: S. 9).

'Krankheit' kann ebenso wie 'psychische Störung' als 'Perturbación' (Maturana und Varela, 1987) bzw. 'Verstörung' (Ludewig, 1997) gesehen werden: die Reaktion eines Systems auf Interventionen, die auch vor der Inanspruchnahme eines Therapeuten stattgefunden haben können. Aus diesem Blickwinkel können DSM, ICD und MAS als Kataloge verstanden werden, die einige mögliche (jedoch nicht alle möglichen) Perturbaciónen bzw. vorübergehenden Systemkonstellationen beschreiben.

Die in DSM, ICD und MAS aufgeführten Beschreibungen psychischer Störungen werden also aus dieser Sicht nicht als linear-kausale, statische und objektive 'Tatsachen' verstanden, sondern als Sammlung von Anregungen zur Hypothesenbildung bezüglich aktueller Systemkonstellationen.

Die aktuellen Versionen der führenden psychiatrischen Klassifikationen umfassen neben personzentrierten auch interaktionszentrierte Aspekte wie z. B. fünfte Achse MAS, ICD-10 Z60 bis 64, vierte Achse DSM-IV, u. U. auch erste Achse DSM-IV sowie im DSM-IV die Skala zur globalen Erfassung des Funktionsniveaus von Beziehungen (GARF).

Wie schädlich, nützlich, linear, systemisch, objektivistisch, konstruktivistisch DSM, ICD und MAS sind, hängt von ihren Nutzern ab!

 

2. Hypothese: ressourcenorientiertes Denken und Reframing dürfen auch bei DSM-IV, ICD-10 und MAS angewandt werden.

Ressourcen können u. a. auf der dritten und der sechsten Achse MAS sowie im DSM-IV auf der

Skala zur Erfassung der Abwehrmechanismen und Copingstile, der Skala zur Globalen Erfassung des Funktionsniveaus, der Skala zur Globalen Erfassung des Funktionsniveaus von Beziehungen sowie der Skala zur Erfassung des Sozialen und Beruflichen Funktionsniveaus codiert werden.

Reframing: Zwangshandlungen (300.3) werden im DSM-IV als Möglichkeit gesehen, Angst und Unwohlsein zu reduzieren. Darüberhinaus besteht aufgrund der zahlreichen defizitorientierten Beschreibungen reichlich Gelegenheit für systemische Therapeuten, Reframing anzuwenden.

 

3. Hypothese: aus Hypothesen, die unter Zuhilfenahme von DSM-IV, ICD-10 oder MAS aufgestellt wurden, dürfen Interventionen abgeleitet werden.

'Die Freiheit des Klinikers resultiert demzufolge aus der Erkenntnis, daß Schizophrenie keine dinghaft ontologische Einheit, sondern eine Kommunikable darstellt. Als solche legt sie seine Handlungen nicht fest, sondern bietet ihm die Möglichkeit, mit Bezug auf die vorliegende Situation jeweils kreativ und konstruktiv, d. h. lösungsorientiert zu handeln' (Ludewig, 1989). Dies kann analog für jede in den Klassifikationen aufgeführte psychische Störung angenommen werden. Die von systemischen Therapeuten oft geäußerte Befürchtung, daß die Benennung einer Diagnose bzw. Krankheit zur Haltung bei Patient und Familie führe, nichts verändern zu können, kann ich nicht bestätigen. Meist fragt die Familie doch: "Was kann man da machen?"

Die Haltung, nichts verändern zu können, entsteht doch in der Regel zuerst in den Köpfen der Ärzte, wenn ihnen keine erfolgsversprechende Behandlung einfällt "Das ist eine schwer zu behandelnde Krankheit, da kann man nicht viel machen"!

 

4. Hypothese: Manchmal ist der Gebrauch von Diagnosen nützlich, manchmal die Auflösung.

"Inwieweit ... Ideenangebote und Anregungen im Sinne eines konstruktiven Verstörens eine Chance haben, den Patienten zu erreichen, hängt nicht zuletzt von dem Zeitpunkt ab, an dem wir als Behandler eingeschaltet werden. Mit den jeweiligen Stadien des Umgangs mit dem symptomatischen Lösungsmuster verbinden sich unterschiedliche Reduzierungen und eingefahrene Selbstbeschränkungen" (Georgi et al. 1990: Seite 232).

Wie bereits erwähnt, sind systemische Therapeuten offenbar häufig erfolgreich, wenn sie bei Menschen, die seit vielen Jahren eine psychiatrische Diagnose "mit sich herumtragen", die Diagnose auflösen. Es gibt aber auch Situationen, bei denen es genau anders herum scheint.

Aus lösungsorientierter Sicht drängt sich der Gedanke auf, "daß der Unterschied", eine psychiatrische Diagnose nach langjährigem Gebrauch nicht weiter zu benutzen, bei einigen Menschen "einen Unterschied macht" (vgl. de Shazer, 1989). Daraus läßt sich ableiten, daß auch der umgekehrte Fall denkbar ist: nach langjährigem Nichtgebrauch einer psychiatrischen Diagnose könnte es einen Unterschied machen, der einen Unterschied macht, wenn eine psychiatrische Diagnose genutzt wird. Vielleicht ist dies mit ein Grund, warum es viele Menschen gibt, die trotz Stellung einer psychiatrischen Diagnose nicht lebenslang (oder bis sie endlich ein systemischer Therapeut von der Diagnose befreit hat) behandlungsbedürftig geblieben sind. Oder mit anderen Worten: vielleicht sind nichtsystemisch denkende Ärzte und Psychotherapeuten auch erfolgreich, weil der Gebrauch einer oder mehrerer Diagnosen einen Unterschied macht, der einen Unterschied macht.

Beachte: man kann Diagnosen erst dann auflösen, wenn es mindestens 1 etablierte Diagnose gibt, die man auflösen kann!

Wenn wir nun aber psychiatrische Diagnosen nicht als objektive, statische Lebenszeit-Realitäten betrachten, sondern als Hypothesen für Systemkonstellationen, dann dürfen wir sie verwerfen, wenn sie nicht (mehr) nützlich sind, auch wenn wir sie zuvor genutzt haben. Mit anderen Worten: Diagnosen dürfen prozeßorientiert genutzt werden.

 

5. Hypothese: Auch wenn eine Teilmenge von Beobachtungen mittels einer Diagnose klassifiziert wird, muß sich das System nicht auf diese reduzieren (lassen).

Manfred Thau (1999) schlägt vor, "klassifikatorische zugunsten prozessualer Sprachen im Kontext professioneller Verständigung ... auf Dauer zu lassen". Harlene Anderson und Harold Goolishian (1988) sind der Meinung, daß Etikettierung immer ein gefährlicher Prozess ist, sodaß sie selbst den von ihnen zuvor genutzten Terminus >problemdeterminiertes System= (Anderson et al., 1986) später als unbefriedigend empfanden, da es Probleme als fixiert oder invariant konnotiert.

Jürgen Kriz (1997) diskutiert neben der Gefahr der Verdinglichung etikettenhafter Konstrukte ebenso die Notwendigkeit der kategorialen Reduktion für das tägliche Leben (kein Morgen ist wie der andere, trotzdem haben wir unser Leben darauf eingestellt, daß jeder Tag mit einem Morgen beginnt, etc.).

So, wie in der Physik zur Beschreibung des Lichts weder die Wellentheorie noch die Teilchentheorie richtiger oder besser ist als die andere, erscheint es mir auch in der systemischen Therapie angebracht, prozessurale und kategoriale Modelle zu nutzen (Spitczok von Brisinski, 1999c).

Wird eine Diagnose als eine Hypothese unter vielen genutzt, d. h. gilt das Interesse der Beobachter sowohl der Teilmenge von Beobachtungen, die sich unter einer Diagnose zusammenfassen lassen, als auch der Teilmenge von Beobachtungen, die nicht durch die Diagnose symbolisiert wird, erfüllt dies den ethischen Imperativ von Foersters (1985): Handle in der Weise, daß sich die Anzahl der Handlungsmöglichkeiten vergrößert!

 

Ausblick

Psychiatricus zu Systemicus (frei nach de Shazer 1988: Seite 24) : "Angenommen, es würde eines Nachts, während sie schlafen, ein Wunder geschehen und ihr Problem mit psychiatrischen Klassifikationen ist gelöst. Was wäre anders?"

Ein kleines Märchen: Klein-Globi und Globinchen haben allerhand diagnostische Kategorien an der Hand und spielen mit Freude eine psychiatrische Musik, dessen defizitorientierter, objektivistischer Klang Vater Globi Unbehagen verursacht, da die Kirchenmusik der wahren Systemiker Free Jazz ist. Er reflektiert und es geschieht das Wunder: er spielt mit und gibt dem psychiatrischen Konzert die systemische Grundlage! Fischi wird sich freuen!

 

Literatur

American Psychiatric Association (1996): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-IV. Hogrefe, Göttingen - Bern - Toronto - Seattle.

Andersen, Tom (Hg., 1990): Das Reflektierende Team: Dialoge und Dialoge über Dialoge. Dortmund: modernes lernen.

Anderson, Harlene & Goolishian, Harold A. (1988): Human Systems as Linguistic Systems: Preliminary and Evolving Ideas about the Implications for Clinical Theory. Fam. Proc., 27: 371-393.

Anderson, Harlene, Goolishian, Harold A. & Winderman, L. (1986): Problem determined systems: Towards transformation in family therapy. J. Strateg. Syst. Ther., 5: 1-14.

Boscolo, Luigi (1996): Judy C.: Die Macht von Worten und Etiketten. In: Keller, Thomas & Greve, Nils (Hg.): Systemische Praxis in der Psychiatrie. Psychiatrie Verlag, Bonn.

de Shazer, Steve (1989): Der Dreh. Carl Auer, Heidelberg.

Dilling, Horst; Mombour, W. & Schmidt, Martin H. (1993): Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10, Kapitel V (F). Huber, Bern - Göttingen - Toronto - Seattle.

Furman, Ben & Ahola, Tapani (1995): Die Zukunft ist das Land, das niemandem gehört: Probleme lösen im Gespräch. Klett-Cotta, Stuttgart.

Georgi, Hans; Wedekind, Erhard & Levold, Tom (1990): Im Bauch des Walfisches - Zur Verdaulichkeit psychoanalytisch-systemischer Ansätze im stationären Psychiatriealltag. Z. system. Ther., 8: 225-237.

Gergen, Ken J.; Hoffman, Lynn & Anderson, Harlene (1997): Diagnose - ein Disaster? Ein konstruktionistischer Trialog. Z. system. Ther., 15: 224-241.

Imber-Coppersmith, Evan (1982): From hyperactive to normal but naughty: A multisystem partnership in delabeling. Intern. J. Fam. Psychiat. 3 (2): 131-144.

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Ludewig, Kurt (1989): `RealitätA, Realitäten - `NormaleA, Verrückte. Reflexionen zur Realität von Zuordnungskategorien am Beispiel der Schizophrenie. In: Rotthaus, Wilhelm (Hg.): Psychotisches Verhalten Jugendlicher. Verlag modernes lernen, Dortmund.

Ludewig, Kurt (1997): Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und Praxis. 4. Aufl. Klett-Cotta, Stuttgart.

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Remschmidt, Helmut & Schmidt, Martin H. (1994): Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters nach ICD-10 der WHO. Huber, Bern - Göttingen - Toronto - Seattle.

Roberts, Janine; "Alexandra" & "Julius" (1993): Die Verwendung von Ritualen bei der Neudokumentierung psychiatrischer Fallgeschichten. In: Imber-Black, Evan; Roberts, Janine & Whiting, Richard A.: Rituale. Carl Auer, Heidelberg.

Schiepek, Günter & Strunk, Guido (1994): Dynamische Systeme: Grundlagen und Analysemethoden für Psychologen und Psychiater. Asanger, Heidelberg.

Spitczok von Brisinski, Ingo (1999a): Zur Nützlichkeit psychiatrischer Klassifikationen in der systemischen Therapie - DSM, ICD und MAS als Hypothesenkataloge dynamischer Systemkonstellationen. Z. system. Ther., 17: 43-51.

Spitczok von Brisinski, Ingo (1999b) Ressourcenorientierung, Lösungsorientierung und systemische Theorie. Frühjahrsrundbrief der Arbeitsgemeinschaft Systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Spitczok von Brisinski, Ingo (1999c): Diagnosen, Holzschnitte und asiatische Kochkunst. Z. system. Ther., 17: 268-270.

Thau, Manfred (1999): Leserbrief. Z. system. Ther., 17:113-115.

von Foerster, Heinz (1985): Sicht und Einsicht. Vieweg, Braunschweig.

 

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