Ressourcenorientierung, Lösungsorientierung und systemische Theorie

Reflexionen nach der ASK-Tagung in Göttingen im April 1999

Ingo Spitczok von Brisinski

Herr Paul stellte die Frage, ob sich aus der systemischen Theorie Ressourcenorientierung und Lösungsorientierung entwickeln lasse oder ob es sich bei Ressourcenorientierung und Lösungsorientierung um Strategien handele, die sich zwar gut in der praktischen Arbeit mit systemischer Therapie verbinden lassen, prinzipiell aber eigenständig sind.

Übereinstimmung fand sich offenbar in der Beobachtung, daß sich einfache systemische Theorien einfach in die Praxis umsetzen lassen, komplizierte dagegen weniger.

Als Anhänger praktisch relevanter Theorie möchte ich daher versuchen, einen (von sicher vielen möglichen) einfachen Weg von der Systemtheorie zu Ressourcenorientierung und Lösungsorientierung aufzuzeigen:

Gehen wir davon aus, daß unsere Kunden als autopoietische Systeme handeln und wir Veränderung durch Verstörung bewirken können (Maturana und Varela 1987), folgt daraus die Frage, wie eine Intervention beschaffen sein muß, damit sie verstört und eine Veränderung (möglichst auch noch im erwünschten Sinne) bewirkt.

Ein Ansatz dazu ist z. B. als Therapeut einen Unterschied zu konstruieren, der einen Unterschied für das Kundensystem macht (Bateson 1981).

Zur Therapie kommen Leute, weil sie ein Problem haben ('problemdeterminiertes System', vgl. Goolishian & Anderson 1988) und auf die Lösung hoffen (zumindest, soweit es sich um Kunden i. S. de Shazers, 1989, handelt). In der Regel wird das Problem vom Kundensystem als vorwiegend unangenehm wahrgenommen, als Schwäche oder Defizit. Wenn nun auf die primär (auch kulturbedingt) defizitorientierte Sichtweise des Kundensystems eine ressourcenorientierte Sichtweise eines systemischen Therapeuten trifft, ergibt sich ein Unterschied, der mit hoher Wahrscheinlichkeit für das Kundensystem einen Unterschied macht.

Da kulturell bedingt das Kundensystem eine defizitorientierte Sichtweise des Therapeuten und eine gründliche Suche nach Ursachen erwartet, können Ressourcenorientierung und Lösungsorientierung in der Regel eher zu einer Verstörung führen, als den Erwartungen entsprechende Sichtweisen.

Aber, der Unterschied darf auch nicht zu groß sein: es muß eine Anschlußfähigkeit zwischen Kunden- und Therapeutensystem bestehen (AKonzept der angemessen ungewöhnlichen Intervention@ vgl. Andersen 1990). Daher muß je nach Kunde oft ein gewisses Maß an defizitorientierter Betrachtung und/oder Ursachenforschung zugelassen werden, um die strukturelle Kopplung zu ermöglichen.

In der Terminologie der Theorie dynamischer Systeme könnte man es folgendermaßen darstellen (Abb.1):

Das Kundensystem bewegt sich vor einer Intervention in dem Attraktor A0, der sich im Bassin B0 befindet. Es kann einen alternativen Attraktor Aa in einem Bassin Ba erst aufsuchen, nachdem es einen Repellor auf einer Separatrix erreicht hat (zur Erläuterung der Begriffe siehe Schiepek & Strunk 1994).

Das Erreichen der Separatrix kann durch eine Intervention des Therapeuten angeregt werden, die u. a. die Eigenschaften des Vektors E (Empathie) und der Vektorenmenge U (Unterschiede) aufweist. Ressourcenorientierung kann dabei als Element der Vektorenmenge U verstanden werden, dessen Winkel zur Vertikalen und damit sein der Empathie entgegen wirkender Anteil vom Kundensystem abhängt: je weniger die Struktur des Kundensystems Ressourcenorientierung aufweist, desto größer wird zwar U, desto mehr wirkt RO jedoch auch E entgegen. Nur, wenn U und E ausreichend groß sind, kann das Kundensystem R erreichen.

Abb. 1: Empathie, Unterschiede und Ressourcenorientierung

A0=Attraktor, in dem sich das Kundensystem vor der Intervention befindet
Aa=Attraktor, den das Kundensystem alternativ zu A0 nach der Verstörung einnehmen kann
B0= Bassin0=Einzugsbereich von A0
Ba=Bassina=Einzugsbereich von Aa
E=Empathie
R=Repellor
RO=Ressourcenorientierung
S=Separatrix
U=Unterschied

Analog kann dieses Modell auch für die Rolle der Lösungsorientierung (LO) dienen: je weniger die Struktur des Kundensystems Lösungsorientierung statt Ursachensuche aufweist, desto größer wird zwar U, desto mehr wirkt LO jedoch auch E entgegen. Nur, wenn U und E ausreichend groß sind, kann das Kundensystem R erreichen.

Eine weitere mögliche Sichtweise

Gehen wir davon aus, dass Empathie sich im Laufe einer Therapiesitzung laufend ändert, können wir diesen Verlauf als Zeitreihe Et0...te darstellen (Abb. 2).

Hypothese: Unterschiede kommen durch Sprünge in der Ausprägung der Empathie zustande:

U=Etn+x-Etn

Abb.2: Unterschiede sind Sprünge in der Empathie

 

Ähnlich wäre dies der Beobachtung, dass Farbkontraste vom Auge wahrgenommen werden durch unterschiedliche Wellenlängen des Lichtes. Dabei dürfen die Wellenlängen zwar nicht weit außerhalb des sichtbaren Bereichs liegen, der mathematisch berechenbare Unterschied zwischen den beiden Wellenlängen korreliert jedoch nicht eng mit der Kontrastwahrnehmung des Beobachters, da der Beobachter seine Wahrnehmung aktiv selbst konstruiert (Maturana und Varela 1987). Ebenso kann der Therapeut zwar bemüht sein, einen bestimmten Unterschied zu konstruieren, das Kundensystem wird jedoch selbst entscheiden, ob der vom Therapeuten konstruierte Unterschied für das Kundensystem einen Unterschied macht, d. h. eine Information darstellt, die eine Verstörung ermöglicht.

Bleiben wir bei der Farbkontrast-Analogie, müssen wir davon ausgehen, dass die Empathie in einem bestimmten Bereich liegen muß, um verstörende Unterschiede zu erzeugen: der Therapeut darf nicht zu wenig empathisch sein, aber auch nicht zu empathisch. Beim Erreichen einer maximalen, 'totalen' Empathie des Therapeuten ist keine Verstörung ohne gleichzeitige Abnahme der Empathie möglich.

Ressourcenorientierung und Lösungsorientierung können nun durch Wechselwirkung mit der Empathie bei der Konstruktion verstörender Unterschiede hilfreich sein. Ob sie dabei die Empathie erhöhen oder erniedrigen, hängt wiederum von der Struktur des Kundensystems ab.

Ressourcenorientierung und Lösungsorientierung werden also auf diesem Wege nicht direkt aus der allgemeinen Systemtheorie entwickelt, sondern ausgehend von der allgemeinen Systemtheorie über Theorien systemischer Therapie, die Besonderheiten berücksichtigen müssen, die nicht zwangsläufig Bestandteil der allgemeinen Systemtheorie sind.

Fazit: Prinzipiell kann aus allgemein systemtheoretischer Sicht eine defizitorientierte Sichtweise ebenso wirksam oder unwirksam sein wie eine ressourcenorientierte. Da der Ausgangspunkt therapeutischer Veränderungsprozesse jedoch in der Regel das Problem ist verbunden mit einer kulturell bedingten defizitorientierten Erwartung, hat eine ressourcenorientierte Sichtweise eine höhere Chance, Unterschiede zu konstruieren, die ausreichend groß sind, um zu verstören. Entsprechendes gilt im Spannungsfeld Lösungsorientierung - Problemorientierung.

Literatur

Andersen, T. (1990): Das Reflektierende Team: Dialoge und Dialoge über Dialoge. Dortmund: modernes lernen.

Bateson , G. (1981): Ökologie des Geistes. Frankfurt: Suhrkamp.

de Shazer, S. (1989): Der Dreh. Carl Auer, Heidelberg.

Goolishian, H. & Anderson, H. (1988): Menschliche Systeme. Vor welche Probleme sie stellen und wie wir mit ihnen arbeiten. In: L. Reiter, E. J. Brunner & S. Reiter-Theil: Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive, Berlin Heidelberg New York: Springer, 189-216.

Maturana, H. R. & Varela, F. J. (1987): Der Baum der Erkenntnis. Scherz, Bern - München.

Schiepek, G. & Strunk, G. (1994): Dynamische Systeme: Grundlagen und Analysemethoden für Psychologen und Psychiater. Heidelberg: Asanger.

Anschrift des Verfassers: Dr. Ingo Spitczok von Brisinski, Abteilung 1 der Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Rheinische Kliniken Viersen, Postfach 12 03 40, D-41721 Viersen.

EMail: i.spitczok-von-brisinski@mail.lvr.de
Internet: http://www.lvr.de/dez8/amt81/rk-v/abt1/

 


Zurück